Freitag, 6. August 2010

58) Theater ..., Theater ...

.Die mühlhäuser Theatergeschichte ...,

... also Smiley meint, daß Mühlhausen eigentlich gar keine Theatergeschichte hat..., denn die Stadt hatte ja nie ein richtiges Theater gehabt ...,
aber wir wollen es mal nicht gar so eng sehen und schauen, ob die Mühlhäuser doch etwas mit dem Theater zu tun hatten.



Da gab es schon 1601 die ersten dramatischen Aufführungen des städtischen Gymnasiums in der Divi Blasii-Kirche, eigentlich mehr Sing- oder Schauspiele mit religiösem Inhalt.
Und dann gab es noch die verschiedensten Theaterstücke, die von Wanderschauspielern zu Jahrmärkten und Volksfesten dargeboten wurden.
1721 verbot dann der Rat die Aufführungen der "Possenreißer", weil sie die Sitte und Moral gefährdeten.

Um 1800 diente die obere Etage des Fleischhauses am Obermarkt als "Theatersaal", wo dann ebenfalls von Wanderbühnen "großes Theater" dargeboten wurde.
1801 besuchte Johann Wolfgang von Goethe, der hier auf der Reise nach Norden Station machte, mit seinem Sohn August ein solches Theaterstück im Fleischhaus und war von dem "Schmierentheater" zutiefst enttäuscht.
Aber nicht nur im Fleischhaus, auch in der Neuen Laube am Untermarkt und in den größeren Gaststätten - im "Adler" und im "Schwan" - fanden Theateraufführungen von Wanderbühnen statt.


1806 gründeten die mühlhäuser "Freunde des Schauspiels" einen Theaterverein. Die Aufführungen fanden damals überwiegend im Bürenhof am Untermarkt statt, wo bis zu 120 Plätze zur Verfügung standen.
1839 hatte der neue Theaterverein "Concordia" dann bereits 110 Mitglieder, so daß mit den übrigen Besuchern der Bürenhof nicht mehr ausreichte.
Der gebildete Bürger wollte jetzt die Dramen von Goethe und Schiller nicht nur lesen, sondern auch sehen.

1840 eröffneten die Gebrüder Muthreich an der Burg den "Berliner Hof" , der mit seinem Festsaal bald zum "Schauspielhaus" der Mühlhäuser wurde.
Hier fanden im ".. größten und vornehmsten Konzert- , Theater- und Ball-Etablissement ..." der Stadt, Theateraufführungen der verschiedensten Art statt. Wobei das Niveau wohl nicht unbedingt an die Hoftheater der damaligen Zeit heranreichte.
1885 wurde z.B. das Lustspiel in 5 Akten "Roderich Heller" von Fr.von Schönthan aufgeführt und 1894 wurde das Drama Maria Stuart gegeben und als Ausgleich, die musikalische Posse "Die wilde Katze" vorgesehen.

Eine Besucherin, die in den Hoftheatern der Residenzstädte mehr Niveau gewöhnt war, schreibt dann, daß "..der einzige Ofen im Saal in seiner Nähe eine große Hitze ausstrahlte, während der übrige Saal eiskalt blieb und die Leute die Mäntel anbehielten.
Vor dem Stück und während den Pausen spielte das Stadtmusikkorps und die Besucher packten ihre Fett- und Käsebemmen aus ..!! .."
Der städtische Bildungsverein versuchte dann auch mehr Niveau bei der Auswahl durch-zusetzen und so wurden auch Stücke von Hauptmann, Ibsen und Sudermann und sogar Opern aufgeführt.




Als dann auch im Schauspielhaus die elektrische Beleuchtung installiert wurde, erstrahlten hier laut Anzeige ".. die Räume im Glanze von hunderten elektrischen Glühlampen .."
So konnte auch der Mundartdichter Georg Wolff zum fünfzigjährigen Jubiläum des Gewerbevereins feststelllen:
".. Willkommen heiß ich Jung und Alt,
de Börger hie us unse Schaadt,
die ihr uch im geputztem Saale,
im Schauschpielhuus versammelt haht .."

1926 wurde das Schauspielhaus wegen baulicher Mängel schon einmal geschlossen, diente 1927 dann sogar noch als Kino mit 940 Plätzen und wurde im selben Jahr endgültig geschlossen.


Jetzt fanden die Theateraufführungen am Schützenberg statt und die Stadtchronik berichtete 1927, daß die sieben Aufführungen des Mitteldeutschen Landestheaters - eine Anekdote, vier Lustspiele, ein Schauspiel und eine Tragödie - eine gute Kritik erfuhren.
1928 wird dann noch über die positive Entwicklung des städtischen Orchesters berichtet, das mit seinen Konzerten auch am Schützenbarg auftrat.




1920 war im Kaiserhof der mühlhäuser Bühnenverein gegründet worden, der zur Hebung des Theaterniveaus in der Stadt beitragen wollte.
In den zwanzigerJahren waren es besonders die Operetten, die neben den Schauspielen und Lustspielen zur Aufführung kamen, aber auch sozialkritische Stücke, z.B. von Gerhart Hauptmann, wurden aufgeführt.
Aber das Interesse scheint dann Anfang der dreißiger Jahre nachgelassen zu haben, denn die Gothaer Gastspiele gaben 1932 hier ihre letzte Vorstellung.
Erst 1938 wurde dann über einen KdF-Theaterring ein regelmäßiger Besuch des Gothaer Theaters organisiert und erst 1942 wurde hier wieder das erste Theaterstück und zwar der "Vogelhändler" aufgeführt.



Eine besondere Rolle spielten damals Sternaus Künstlerspiele in der Johannisstraße 9 am Blobach.
Eigentlich bei den Mühlhäusern etwas verrufen, denn hier fanden Varieté-Veranstaltungen statt, wo mit den artistischen, tänzerischen, kaberettistischen und gesanglichen Darbietungen auch mal das Frivole zum Ausdruck kam.
Natürlich waren hier dann besonders die Soldaten der mühlhäuser Garnison zu finden, wenn sie Ausgang hatten

Nach 1945 war es wieder der Schützenberg, in dem später als "Volksgarten" die Aufführungen der Stadttheater aus Eisenach und Nordhausen stattfanden.
Viele Mühlhäusergehörten jetzt dem Theaterring an und besuchten eifrig die hier gebotenen Schauspiele, Dramen, Opern und Operetten.
Trotzdem ging Ende der fünfziger Jahr die Besucherzahl von 30.000 im Jahre 1959 auf 16.000 im Jahre 1961 zurück.
Ein Grund war anscheinend auch das neu gebaute Theater in Heiligenstadt, zu dem der Theaterring jetzt regelmäßige Busfahrten organisierte.


Aber auch die Konzerte des Stadtorchsters fanden Anfangs reichen Zuspruch. So auch bei den Mühlhäuser Musiktagen im Jahre 1949 und auch später fanden oft noch öffentliche Konzerte statt, die gut besucht wurden.





Schon in den vergangenen Jahren war der Schwanenteich-Saal für die Theateraufführungen verstärkt genutzt worden.
Eine Renaissance erlebte dann die "Kulturstätte Schwanenteich" nach der umfassenden Rekonstruktion im Jahre 1967, die mit einem Festkonzert des staatlichen Lohorchesters Sondershausen eröffnet wurde.
Mit "Nabucco" erfolgte dann die erste Theateraufführung im neu gestalteten Haus.
Nach den Vorstellungen stellte die mühlhäuser Straßenbahn zusätzliche Einsatzfahrzeuge mit Anhänger bereit, aber ab 1968 fuhr dann keine Bahn mehr zur Oberstadt und auch die Unterstadt-Linie wurde 1969 stillgelegt.


Bereits 1953 war am Rieseninger Berg - der jetzt Thomas-Müntzer-Park hieß - eine großzügige Freilichtbühne entstanden.
Hier fanden neben Opern, Operetten und Schauspielen, auch vielfältige Fest- und Großveranstaltungen statt und bei schönem Wetter waren auch die Filmvorstellungen hier gut besucht.Der Park war zum Teil neu gestaltet worden und die Gaststätte "Parkhaus" wurde jetzt von der HO Mühlhausen betrieben. Eigentlich waren das Einrichtungen, die von den Mühlhäusern gern besucht wurden. Auch die drei großen Festwiesen waren an den Wochenenden oft das Ziel für einen Sonntagsauflug, wo man mit mitgebrachten Kaffee und Kuchen gemütlich ausspannen konnte.

1974 fanden dann im Thomas-Müntzer-Park die fünfzehnten Arbeiterfestspiele der DDR des Bezirkes Erfurt statt. Das Parkhaus war modernisiert und erweitert worden, ebenso die Freilichtbühne, auf der Volkskunstgruppen aus dem In- und Ausland auftraten und wo das Schauspiel "Thomas Müntzer" von Friedrich Wolf aufgeführt wurde.



Allmählich wurde es immer ruhiger in der mühlhäuser Theaterwelt.
Jetzt fuhren die Mühlhäuser überwiegend nach Heiligenstadt oder Nordhausen in´s Theater, wo ja doch bessere Voraussetzungen für Schauspieler und Besucher bestanden.
Als dann 1991 das Amateurtheater "3K" gegründet wurde, sah man das Ganze noch als eine vorübergehende Sache an, aber inzwischen hat sich das Theater mit seiner neuen Spielstätte in der Kilianikirche ganz schön gemausert und ist zu einer weithin anerkannten Einrichtung geworden.


Im vergangenen Jahr dann noch einmal ein Großereignis ..., die polnische Staatsoper Stettin brachte auf dem Untermarkt die Oper "Nabucco" in italienischer Originalfassung zur Aufführung.





Die ausverkaufte Vorstellung war mal was ganz besonderes, auch wenn durch die ebenen Sitzreihen auf dem Platz nicht immer die beste Sicht gegeben war.., besonders wenn vor einem ein besonderers großer Opernfan saß ..







Und dann gab es natürlich noch das Kino...
.. das am Anfang als Kinematographen-Theater die Sensation war..


1899 gab es die erste ".. Spezialvorführung lebender Photographien .." in "Weymars Felsenkeller" in derSpielbergstraße und obwohl der Eintrittspreis zwischen 30 Pfennig bis 1 Mark betrug, waren die Vorstellungen gut besucht.
1907 wurde dann am Steinweg 81 das erste Kinematographen-Theater eröffnet und bald folgten weitere Filmvorführungen in verschiedenen Saalgaststätten und ab 1909 auch schon in der "Weißen Wand".
1910 erhielt die Ortspolizei die Weisung, die Kino-Vorstellungen zu inspizieren, weil in der Dunkelheit ".. wenn die beiden Geschlechter eng beieinander sitzen, anstößige Sachen vorgekommen sind ..."
1917 fanden dann auch im Lichtspielpalast an der Stätte Kino-Vorstellungen statt, der Eintrittspreis betrug 6o nis 100 Pfennig.



1927 wurde dann der neue Central-Palast mit 800 Plätzen an der Stätte eröffnet.
Die mühlhäuser Lichtspielbetreiber hatten sich als "Vereinigte Mühlhäuser Lichtspiele GmbH" zusammengeschlossen.
Neben dem Central fanden auch im Schauspielhaus noch Filmvorführungen statt. Hier standen über 900 Plätze zur Verfügung. Zuerst gab es nur Kurzfilme über Geschehnisse in aller Welt und erst nach und nach gab es dann auch Filme mit einer eigenen Handlung.
Der Klassiker "Metropolis" - eigentlich der erste Science-Fiction-Film - wurde ebenso wie viele nachfolgende Stummfilme noch mit Klaviermusik begleitet.



Als 1930 mit dem "Blauen Engel" der Tonfilm auch in Deutschland populär wurde, kamen auch in Mühlhausen die ersten Tonfilme zur Aufführung - und zwar zuerst in den Thuringia-Lichtspielen - die 1928 am Steinweg 5/6 mit 980 Plätzen eröffnet wurden.
Mit Marlene Dietrich begann dann auch die Zeit der großen Filmstars, die als Publikummagnet die Besucher anlockten und bald das Theater in den Hintergrund drängten.





Die "Weiße Wand" bei der Marienkirche war bereits 1909 eröffnet worden und war dann in den dreißiger Jahren das kleinste - und das billigste - Kino in Mühlhausen, wurde aber vielleicht gerade deshalb besonders auch von den Kindern gern besucht.
Hier in der "Flohkiste" mit ihren 249 Plätzen wurden meist ältere Filme gezeigt und in den Kindervorstellungen gab es "Tom Mix" und andere Räuberpistolen zu sehen.

Aber dann kam die Zeit wo in allen drei Lichtspiel-Theatern erst die Deutsche Wochenschau gezeigt wurde, in der die Erfolge der Wehrmacht im 2.Weltkrieg zu sehen waren.
Neben "Quax dem Bruchpilot" mit Heinz Rühmann, gab es dann die Filme "Stukas" und "Wunschkonzert" mit Carl Raddatz und "Die große Liebe" mit Zarah Leander. NS-Propagandefilme, die den Krieg für das Volk schmackhaft machen sollten.


1945 gab es dann erst einmal kein Kino mehr und erst nach und nach wurden zuerst russische Filme ( .. noch in Originalsprache..) und dann auch ältere deutsche Filme gezeigt.
Der DEFA-Augenzeuge brachte dann die ersten aktuellen Bilder vom Zeitgeschehen in deutscher Sprache.
1946 dann der erste DEFA-Film "Die Mörder sind unter uns" mit Hildegard Kneef. Aber auch westdeutsche und russische Filme gab es dann und die Vorstellungen waren sehr oft ausverkauft. Lange Schlangen an der Kasse waren keine Seltenheit.

Die DEFA bot in den folgenden Jahren ein breites Spektrum an Filmen, vom obligatorischen "klassenbewußten Film", bis zum Lustspielfilm und bis zu den oft sehr guten Märchenfilmen, reichte die Palette.
Wenn dann solche "West-Filme" wie "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" gespielt wurden, war der Andrang natürlich besonders groß.
Aber Filme, wie "Die Legende von Paul und Paula" bekamen bald auch bei uns Kultstatus.
1962 war die "Weiße Wand" geschlossen worden, aber die beiden anderen Lichtspielhäuser brauchten sich über Zuschauermangel nicht beklagen.


Mit der Wende wurde dann wieder einmal alles anders.
Erst wurde das Central-Kino von der Unternehmensgruppe Kieft übernommen, geschlossen und umgebaut. Nach der Eröffnung im Jahre 1993 - jetzt mit 690 Plätzen in vier Vorführräumen - wurde dann 1995 das Thuringia-Kino zu einem Textilkaufhaus umgebaut.
Wenn auch im Central 12 - 16 Vorstellungen vorgesehen waren, die große Zeit des Kinos ging auch in Mühlhausen langsam zu Ende.
Das Fernsehen hatte seinen Siegeszug weitgehend gewonnen.



.. Übrigens ..., ein Theater ist uns noch geblieben ...
.. Das Kaspertheater...
Nein..., nicht das in Erfurt und Berlin ... sondern die kleinen Kaspertheater zu hause ...
Aber gibt es die eigentlich noch ..??
Früher waren sie ja auf dem Rummel imer wieder anzutreffen und in den fünfziger und sechziger Jahren konnte man die zusammenklappbaren Kaspertheater und die dazu gehörenden Handpuppen noch bei Spielwaren-Hartung oder bei Fleck in der Linsenstraße kaufen ..
Aber heute haben wohl Barbie und Co auch dieses schöne Spielzeug verdrängt ... und so bleibt uns hier in unserer schönen Stadt nur das alltägliche Theater ... das ja auch ganz schön aufregend ist ... ;-))

Sonntag, 1. August 2010

57) Das mühlhäuser Reichsrechtsbuch

.


... ES BEGINNT DAS RECHTSBUCH NACH REICHES RECHT ..



.. so lautete die Überschrift über dem ältesten Stadtrechtsbuch in deutscher Sprache ..., dem Mühlhäuser Reichsrechtsbuch ...






Geschrieben wurde es Anfang des 13. Jahrhunderts ..., vielleicht noch vor 1220 ... und war damit wahrscheinlich noch älter als der bekannte Sachsenspiegel des Eike von Repgow ..
Überliefert in zwei Abschriften in den Archiven der Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen, gehört das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch zu den bedeutenden deutschsprachigen Gesetzeswerken des Mittelalters.


1923 hatte Professor Herbert Meyer die Übersetzung aus der altmitteldeutschen Sprache vorgenommen und veröffentlicht.


Später gab es dann noch zahlreiche Vermutungen über den Verfasser, die aber nie eindeutig geklärt werden konnten.

Vermutlich war es aber nicht ein einfacher, wenn auch gelehrter Gerichtsschreiber, sondern sehr wahrscheinlich doch ein hochstehender in Mühlhausen residierender königlicher Ministeriale, der hier wahrscheinlich im Namen des Königs Recht sprach.



Das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch umfasste sowohl das Stafrecht, wie auch das Wirtschafts-, Erbschafts-und Familienrecht, sowie das Flur- und Bürgerrecht; galt also damals für alle Bereiche des Lebens in der Stadt des Königs.


Auch später, in der Freien Reichsstadt, dürfte das Rechtsbuch noch als Rechtsgrundlage gedient haben und war auch für Nordhausen und Eschwege - den ehemaligen Königsstädten - noch im 14. Jahrhundert von besonderer Bedeutung.




Das Recht in der Stadt des Königs, der ja hier eine bedeutende Pfalz hatte, wurde vom königlichen Präfekten oder Schultheiß gesprochen; oft ein hochrangiger Adliger, der im Dienste des Königs stand.

Ihm unterstanden die übrigen königlichen Ministerialen, die in der Stadt und im Reichsgutbezirk ihre Lehen hatten, welche später als erbliches Eigentum die Grundlage der Geschlechter bildeten.
Mit dem Rechtsbuch sollte eine Grundlage für gleiches Recht in der Stadt geschaffen werden. Darum heißt es hier auch

".. denn wir alle heißen Nachbarn, hier in dieser Stadt ..."

Das erste Kapitel befasst sich dann auch gleich mit dem schwersten Verbrechen ..., mit Mord und Totschlag:


"Ist es, daß ein Mensch den andern tötet, innerhalb dieses Weichbildes hier zu Mühlhausen, ..... so hat er seinen Hals verwirkt"


Nun scheint das Gesetz auch nicht immer gegolten zu haben, denn die Chronik berichtet später: "Im Jahre 1338 erschlugen die von Muhlhausenwie auch andere Stette in Deutzschlandt alle ihre Juden"

Es war also nicht weit her.., mit dem gleichen Recht für alle ...


Auch für Überfälle mit Verwundungen gab es Festlegungen:

"Verwundet ein Mann den anderen so beschaffener Wunde, daß die Acht darüber ergehen soll, ..... so soll man ihm zu Recht die Hand abschlagen"

Starb der Verwundete und leugnete der Beklagte die Tat, konnte ein Kläger im Zweikampf das Recht durchsetzen.., also eine Art Gottesurteil .., das eigentlich damals schon untersagt war..

Auch das Recht der eigenen Wohnung wurde damals schon geregelt, ein Recht, das schon bei den Germanen als Herdrecht bestand:

"Hiernach ist geschrieben, daß ein jeglicher Mann hier zu Mühlhausen in des Reiches Stadt soll Friede haben in seinem Haus ... wenn irgend jemand den da heimsucht, sei es Tag oder Nacht, mit unrechter Gewalt ....so geht es ihm an seinen Hals..."

Auch bei Diebstahl wurde damals noch das Gottesurteil angewandt:

"Sagt aber der Dieb, daß man ihm unrecht tue ... soll man ein Eisen heiß machen ... das soll er tragen drei Schritte ... hat er sich verbrannt, so soll er hängen ..."

(.. wobei also die Falschaussage vor dem Richter erst die höhere Strafe brachte ... denn sonst lag je nach Schwere der Tat die Strafe zwischen Hand abschlagen bis zum Hängen ..)



Obwohl die Frau damals nicht das gleiche Recht wie der Mann hatte, gab es bei Notzucht - also Vergewaltigung - auch hohe Strafen:

"Liegt ein Mann bei einer Weibsperson ohne ihre Zustimmung und gegen ihren Willen ... so soll sie sich wehren mit Geschrei ... und wird der Mann ergriffen bei frischer Tat ... so geht es ihm an den Hals ..."

Für Zeugen oderMitwohner, welche die Not der Frau "verliegen" - also so tun als ob sie nichts gehört haben - "... denen soll man wallendes Blei in ihre Ohren gießen ..." .. eine Maßnahme, die wohl nicht nur zu Hörschäden führte .. außerdem sollte man "... die Hofstätte, wo es geschah, niederbrechen ... und es soll nimmermehr darauf gebauet werden .."

Hier ergibt sich ein wahrscheinlicher Zusammenhang mit der Sage über die Zerstörung der Reichsburg.

So soll hier der Ritter von Hagen die Tochter eines mühlhäuser Goldschmieds auf die Burg entführt und geschändet haben ... und daraufhin stürmten die Bürger die Burg und zerstörten sie auf den Grund ... und nimmemehr sollte auf der Burgstätte gebaut werden ...
Hatte man 1256 die Paragraphen des Rechtsbuches als Rechtfertigung für die Zerstörung der Burg genutzt ... oder entstand die Sage dann wohl doch erst später ...?? Aber es wird ja wohl eher der rechtsfreie Raum in der kaiserlosen Zeit - dem Interregnum - gewesen sein, der zur Verselbstädigung der Ministerialen und der Bürger führte.


Natürlich durfte im Rechtsbuch auch auch die Aufnahme als Bürger der Stadt nicht fehlen. So heißt es im Kapitel 38.
"..Wie einer Bürger werden soll, ist hiernach beschrieben .."
Hier wurde festgelegt, daß ein Zugezogner nach vier Wochen entscheiden mußte, ob er Gast oder Bürger sein wolle.
Wenn er dann ein Jahr und einen Tag in der Stadt wohnte, ohne daß ihn jemand als Eigentum beanspruchte ".. so soll man ihn halten für einen freien Bürger .."
Nachdem dann der neue Bürger dem Richter, dem Rat und der Stadt, sowie des Reiches Hofmann und dem Kirchner die Bannpfennige gezahlt hatte, mußte er vor dem Rat schwören

".. dem Reiche die Huld und den Bürgern Treue und Wahrheit, diese Stadt zu behüten nach seinem besten Vermögen,mit seinem Verstand und seinen Gedanken, vor jedermann, außer vor dem Reich allein, daß ihm Gott so helfe und die Heiligen ..."


Neben dem hohen Gericht des Schultheißen, gab es noch das Heimbürgengericht der Bürger, das sich mit Flurstreitigkeiten, Felddiebstahl usw. beschäftigte.So heißt es im Kapitel 34:

".. Hiernach ist geschrieben, daß wir Bürger zu Mühlhausen sollen einsetzen alle Jahre einen Heimbürgen .... und die Gerichtsversammlung soll man von Rechts wegen abhalten unter Sankt Kilians Linde .. und dahin sollen alle die kommen, die etwas zu fordern und zu klagen haben ..."
Die alte Gerichtslinde könnte sehr wohl schon früher eine besondere Bedeutung für die Marktsiedlung von Sankt Kiliani gehabt haben, war diese doch bereits vor der Altstadt entstanden.



Übrigens ...,
konnten hier natürlich nur einige Bruchstücke aus den 49 Kapiteln des Mühlhäuser Reichsrechtsbuches aufgezeigt werden ..., aber interessant ist es schon, wie in unserer alten Stadt früher Recht gesprochen wurde ...


Freitag, 30. Juli 2010

56) Mundart und Brauchtum in alter Zeit

Mundart und Brauchtum ..


- eigentlich zwei Begriffe, die heute bei vielen in Vergessenheit geraten sind ...

Na ja ..., auf der Wiesn kommen auch die schönen und Reichen schon mal in Lederhose und Dirndl ... und Bayern und Schwaben können sowieso alles .., außer Hochdeutsch ... aber ansonsten sind Events und Mega-Partys, Fun und Gig´s angesagt ...

... und Mühlhausen ..., spricht man hier noch Mundart und was macht das alte Brauchtum ...??



Schon im Mittelalter konnte man die Trennung zwischen den Niederdeutschen, Mitteldeutschen und Oberdeutschen Sprachen feststellen, die sich aus den Sprachgemeinschaften der früheren Stämme ergaben.

Eine eigentliche Schriftsprache gab es ja noch nicht, denn damals wurde ja überwiegend Latein geschrieben.





Da war es schon ein Novum, als um 1220 das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch als erstes Stadtrechtsbuch in deutscher Sprache verfasst wurde.
Nach den Sprachforschern handelte es sich hier um eine frühe Form des mitteldeutsch-thüringschen Sprachgebrauchs, der für Mühlhausen typische Eelemente enthielt.
Hier als Bespiel der Anfang des ersten Artikels:
".. Is daz ein mensci diz andiri totit ... he heit sinen hals virworth .."
(.. Ist es, daß ein Mensch den andern tötet ... er hat seinen Hals verwirkt ..)



Wie im übrigen Deutschland wirkten sich neben den stammes-geschichtlichen Entwicklungen, auch die politischen Enwicklungen auf die Sprache und Mundart in Nordthüringen aus.
So können sowohl für das mühlhäuser Gebiet, wie für das Eichsfeld, die Vogtei und die übrigen thüringer Gebiete teils erhebliche Abweichungen in der Mundart festgestellt werden.

Nachfolgend ein paar Ausschnitte aus dem mühlhäuser Mundartschrifttum, das besonders vom Mundartdichter Georg Wolff (1828 - 1919) geprägt wurde und wo in seinen Gedichten auch oft das Brauchtum in der alten Zeit beschrieben wurde.
Ein Gang durch die Jahreszeiten, mit den hübschen Bildern von Ludwig Richter (1803 - 84) und Ausschnitten aus den Mundartgedichten, soll etwas aus dieser Zeit wieder lebendig machen.

".. Bie scharfen Ostwoind de Schnoiflocken trieben,
In dr Schtobben dr Ufen äs ieszackenkaalt,
Do sitztbie gefrurenen Fansterschieben,
En ormer Döiwel, schwach, krank un aalt.
An Galle fahlts, im Holz sich ze hullen,
Un ach.., wie nütig wörr hie en Füer,
Jedach Briketts, suwie ai de Kullen,
Sin in d´r Wohrheit jitzt gor ze tüer ..."




".. Me woinert sich, wie indr Wöinterschziet,
Su en ohrmer Vail kann gelabe,
Dahr kann gefliege war weiß wie wiet,
Bis ha Mainschen fingt, vun dahn ha wahs kriet,
Dann de merschten wunn am nischt gahbe,
Ha hat kenn Hißchen, ha hätt kenn Bett,
Un keiner es, dahr en ze frassen gät .."

... und nicht nur die Vögel, auch die Menschen litten oft unter dem Winter .. und oft mußten selbst die Kinder in den nahen Stadtwald zum Brennholz sammeln gehen ...



.. Da war dann der Frühling doppelt willkommen, wie es in einem weiteren Gedicht heißt:
".. Durt schnaabeln sich en Paarchen wisse Tuuben,
Un en verliebter Schpatz sitzt ai d´rbie,
Ich sitze in dr Schtobbn, ha dn Schnuben,
Un kann nich us dn Aiwen raacht gesieh.
Nu macht dr Buur sich wedder an dn Acker,
Huch in dr Luft, dar kemmt en Stork geflain,
Dr Buur dar denkt, ichkenne dich, du Racker,
Dann Söbbne ha ich nun schun gruß gezain ..."


Nun ist zwar der Klapperstorch nicht mehr so fleißig wie früher,
aber ein alter Brauch hat sich bis heute in Mühlhausen gehalten.
Alljährlich gibt es zum Gründonnerstag überall Brezeln zu kaufen und zwar nicht die süddeutsche Laugenbrezn, sondern schöne süße und manchmal auch noch mit Zuckerguss.
Und jedes Kind muß unbedingt so eine Brezel haben und freut sich über den alten Spruch:
".. Heut ist der grüne Donnerstag, der sogenannte Brezeltag,
drum schenk ich dir ein Brezelein, damit du sollt kein Esel sein ..."

Also irgendwie hat die Brezel am Gründonnerstag etwas mit dem Ende der Fastenzeit zu tun ... und andere wollen wissen, das es sogar ein alter germanischer Brauch war .. aber haben die schon Brezeln gegessen ..???

Mit der ersten Eisenbahnstrecke Gotha - Mühlhausen -Leinefelde im Jahre 1870 ging auch die Zeit der Wanderburschen langsam zu Ende.

Hier ein Gedicht von einer Fahrt nach Erfurt:
" .. Am Mittwochen froiwe, do zogk ich mich ahn,
Un gung in dr Schtaadt an de Isenbahn,
Do war uch abber en gefaarlich Gedränge,
Von Mainschen, me kunn sich nich imgewänge,
Jitzt hott ich de Kuarten, nun flink in dn Wain,
dr Schaffner dar pfüff, furt sin me geflain,
Un koamen, kumt dahs mes uns raacht versahn,
Schun ds Morgens um sebbne zu Arfurt ahn .."

Der Sommer war für die Städter die Zeit, wo man sich in den Gärten rings um die Stadt erholte.., wobei es trotzdem genug Arbeit für alle gab.
So schrieb auch Georg Wolff:
".. De zwanzger Johre waren schtille,
D´r Börger boibte wie d´r Buur,
Sin Fald, do gabs in Hüll un Fülle,
Väl Korn un Weizen in d´r Flur.






Nachdem 1614 das Brunnenhaus an der Popperöder Quelle gebaut wurde, fanden hier alljährlich die Brunnenfeste der Schüler statt. Auch hierzu ein kleiner Ausschnitt:
".. Im Born versenkt wärd mancher Blumenstruß,
Alljährlich hie us lieben Kingerhängen,
Jedach ich wieß, d´r Quall blibbtsicher uus,
Wann unse Klenn ehr Opfer nich mie brängen .."


Und in einem anderen Brunnenfestgedicht heißt es:
".. De Ziet vergitt mät Assen un mät Trinken,
De Sunne fängt schun saachte an zu sinken,
Baal bricht me uff,
De Fraiwe merkt bim Heimeginn d´n Schaden,
Ehr Mann hät ganz bedenklich scheib geladen,
Daas macht d´r Suff ..."

Das mühlhäuser Brunnenfest wurde immer wieder mal totgesagt, aber auch heute noch feiert jedes Jahr die Nikolaischule und die Martinischule abwechselnd das schöne alte Fest an der schönen alten Quelle.


Na ja ... und gefeiert wurde auch früher schon gerne ...
So die zwölf verschiedenen Kirchweihfeiern, die dann Ende des 19.Jahrhunderts zur mühlhäuser Kirmes zusammen gefasst wurde.
Dafür feiern die Mühlhäuser die größte Stadtkirmes in Deutschland dann aber auch eine ganze Woche lang.
Wie schrieb Georg Wolff ...??
".. Zwöi Faste, dahs ichs fröi geschtiehe,
Wu sich su mancher gab d´n Rast,
Dahs war, ich kunns uch nich verschwiehe,
de Kermse un dasSchlachtefast ..."

Im Spätherbst und Winter war dann die Zeit, wo das "Schwienchen", das viele Bürger im Stall hinterm Haus hielten, dran glauben mußte ... und so mancher Handwerker, der im Winter keine Arbeit fand, ging "Hausschlachten".
".. Dann wißt ih wie´s de Manner machten,
Um zu verdien d´s liebe Bruut,
Se gungen Hus fer Hus un schlachten,
Un stungen sich dorbie ganz gut ...
Do gab´s ze trinken un ze assen,
De Matzker hann je meistens Dorscht,
Un d´s Obbts, baal hätt ich daas vergassen,
Broocht jeder heim `ne Broteworscht ..."




Den Jahreslauf durch die mühlhäuser Mundart soll der "Sylvasterobbt" von Georg Wolff beschließen:
".. He wöinsch ich allen lieben guden Fringen,
Gesoindheit, Nahrung, suwie ei Humor,
Dach gilt min Ruf ver allen annern Dingen,
Müllhusen .. Proost ..! Un Prost daas noiwe Johr ..!! .."





... Übrigens ...,
Smiley meinte, das mit dem neuen Jahr hätte ja eigentlich noch Zeit .., schließlich geht ja gerade mal der Juli zu Ende ...
... aber es passte eben so schön in den Mundart-Jahresablauf ..., der hoffentlich auch wieder eingigen Lesern Spaß gemacht hat ...